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Ab 1500 emazipierten sich die gedruckten Bücher von ihren Vorbildern, den Handschriften. Hatten sich bereits die Drucker in Inkunabeln genannt, kamen nun Verleger hinzu: Während zu Beginn des Buchdrucks Drucker zugleich ihre Bücher auch selbst vertrieben haben, übernahmen nun in vielen Fällen Verleger das wirtschaftliche Risiko und ließen Bücher auf eigene Kosten drucken, die sie anschließend verkauften. Eine weit verzweigte Familie mit zahlreichen Druckern und Verlegern war bspw. die Familie Koberger (Wikipedia-Artikel über Anton Koberger). Nebenstehendes Werk hat J. Koberger bei dem damals renommierten Drucker A. Petri in Basel drucken lassen.
 

Augustinus, A,: De civitate dei - De summa trinitate. Basel, A. Petri für J. Koberger, 1515

Und auch praktische Dinge änderten sich mit der zunehmenden Verbreitung von Büchern: Üblicherweise wurden im Mittelalter Handschriften in Auftrag gegeben, die dem Auftraggeber  ohne Einband übergeben wurden; dieser band dann je nach Praktikabilität und Geldbeutel verschiedene Texte zusammen. In der beginnenden Neuzeit entstanden zwar noch nicht "fertige" Bücher, wie wir sie heute kennen (das entwickelte sich erst mit dem industirellen Buchdruck), aber die gedruckten Werke wurden mit Papier-"Schutzumschlägen" abgegeben; der Käufer konnte dann  entweder die Bücher binden lassen oder sie in den Papierumschlägen nutzen.

Schon damals stand auch das Kostensparen im Vordergrund, so dass es neben noblen Ledereinbänden, die häufig "blindgeprägt" waren (also mit Rollen eingeprägte Muster hatten), auch "Halbleder-Einbände" gab: Über den obligatorischen, Halt gebenden Holzdeckel wurde nur über die Rückseite sowie ca. die Hälfte der Holzdeckel Leder gezogen - damit sah das Buch im Bücherregel repräsentativ aus, da der Betrachter nicht sah, dass das Leder in der Hälfte endete. 

Augustinus, A,: De civitate dei - De summa trinitate. Basel, A. Petri für J. Koberger, 1515 - blindgeprägter und genagelter Halbschweinsledereinband

Luther, M.: Biblia, Das ist: Die gantze Heilige Schrift des Alten und neuen Testaments. Nürnberg, Endter Seel. Söhne, 1702 - blindgeprägter Schweinsledereinband

Inhaltlich passierte in dieser spannenden Zeit ebenfalls viel:
 
Martin Luther und andere Reformatoren sowie zahlreiche Wissenschaftler nutzten die Erfindung des Buchdrucks, um ihre Ideen und Erkenntnisse zu verbreiten.
 
Daher änderten sich ganz erheblich die Themen: Weg von traditionellen christlichen, exegetischen Texten hin zu durchaus kritischen theologischen, aber vor allem auch philosophischen und naturwissenschaftlichen Abhandlungen.
 
Ein Meilenstein dabei war die Luther-Bibel:
Im September 1522 war eine erste Auflage des Neuen Testaments fertig; ab 1534 lag eine deutsche Vollbibel vor, an der Luther zeitlebens weiter Verbesserungen anbrachte. 1545 gab es die letzten Korrekturen der Biblia Deudsch von Luthers eigener Hand.

Pergament ist eine bearbeitete Tierhaut. Je nach Region wurde diese unterschiedlich verarbeitet. Die feinste Qualität wurde aus Häuten neugeborener oder ungeborener Ziegen und Lämmer hergestellt, da diese keine Vernarbungen etc. aufweisen ("Jungfernpergament").
 

Die Vorzüge des Pergaments gegenüber dem Papyrus bestehen lt. Wikipedia in der glatteren Oberfläche, in der Festigkeit und Dauerhaftigkeit sowie auch in einer überwiegend hellen Farbe.

 

Ferner können Farbe und Tinte nicht tief in Pergament eindringen, so dass Texte leicht wieder abgeschabt und das Pergament neu verwendet werden kann. Dabei spricht man von einem Palimpsest (griech. palimpsestos „wieder abgekratzt“). Heute kann man abgekrazte Texte mit modernen technischen Methoden wieder sichtbar machen. Zahlreiche bedeutende Texte wie z.B. De re publica von Cicero sind ausschließlich als Palimpsest überliefert.

Provenienz (von lateinisch provenire „herkommen“) bezeichnet die Geschichte der Vorbesitzer eines Buches - und diese beinflussen durchaus den Wert. Die Herkunft aus berühmten Sammlungen oder Institutionen erhöht in der Regel den Preis.

Interessant sind Provenienzen vor allem, wenn man ganze "Geschichten" nachvollziehen kann: Das dargestellte Buch "De civitate dei" von Augustinus in der Sammlung Buchner befand sich bspw. lange Zeit in der Bibliothelk des bedeutenden Klosters Fürstenfeld bei München. Im Zuge der Säkularisation in Bayern 1802/1803 (Wikipedia-Artikel) gelangte es in die Königliche Bibliothek in München (die heutige Staatsbibliothek). Dort hatte man diesen Text aber bereits, so dass das Buch als "Dublette" (= doppeltes Exemplar) gekennzeichnet wurde. Im Jahr 1849 kaufte es Pfarrer Joh. Martin Besel für 1 Gulden und 12 Kreuzer. Von ihm gelangte es in die Bibliothek des Landkapitels Buchloe. (Die Priester eines Dekanats sind im Landkapitel zusammengeschlossen, dem der Dekan vorsteht.) Dieses gab das Buch in den Handel, so dass es nach einer Auktion und einem norddeutschen Händler in der Sammlung Buchner landete. 

Bei den meisten Büchern ist es jedoch schwierig, die Vorbesitzer  nachzuvollziehen, dennoch erhalten sich häufig Spuren; diese können bspw. in Widmungen bestehen. Aber auch alte Kataloge von Beständen helfen manchmal weiter. Viele bedeutende Institutionen oder private Sammler verwenden auch ein eigenes "Exlibris" (Wikipedia-Artikel): ein Zettel oder Stempel mit dem Zeichen des - meist stolzen - EIgentümers.

Beispiele für ein Exlibris:

Exlibris (Leder) von Andreas Buchner

Luther, M.: Biblia, Das ist die gantze H. Schrift ... Deutsch. Frankfurt am Main, Wusten, 1664.

Melanchthon, Ph.: Evangelischen Aug-Apfel Brillen Butzer. Das ist Apologia und Schtzschrifft der Augspurgischen Confession. Leipzig, Riesch, 1629.

Luther, M.: Biblia, Nürnberg, Endters Seel. Söhne, 1702 - Kuperstich von Lucas Cranach d.J. mit der Familie Luther: Martin Luther, seine Frau Katharina von Bora, seine Tochter Magdalena sowie seine Eltern

Die katholische Kirche musste natürlich auf die deutschsprachige Luther-Bibel reagieren:
 
So gab es gleich drei katholische Gegenbibeln (Korrekturbibeln), darunter diejenige von Johann Dietenberger. Dieser übersetzte die Bibel in einer oberdeutschen Sprachform (im Gegensatz bspw. zur Übersetzung von Dr. Eck mit Baierischem Einschlag), so dass die Bibel von Johann Dietenberger in den katholischen Regionen außerhalb Bayerns und Österreichs die meistgedruckte Bibel wurde.
 
Erstmals erschien sie 1534 in Mainz; schon 1540, 1550, 1556, 1561, 1564, 1567, 1571 und 1575 entstanden neue Auflagen in Köln und 1618 eine in Mainz. Weitere Auflagen erschienen in Würzburg, Frankfurt/Main und Nürnberg sowie die letzte Auflage 1776 in Augsburg. 

 

 

Weitere Informationen zur Dietenberger-Bibel auf Wikipedia.

Dietenberger, J,: Bibell, Köln, Calenius, 1567

Mit der beginnenden Neuzeit und der Besinnung der Renaissance auf den individuellen Menschen begann auch die Zeit der großen (Bücher-)Sammler:

Ein besonderes (und frühes) Beispiel dafür war der Herzog von Berry (1340-1416), der vom Regieren wenig, dafür viel von Kunst hielt; er lebte für seine Sammlungen, die neben Antiken, Medaillen, Gemmen und anderem auch eine bis heute berühmte Büchersammlung umfasste: Seine Bibliothek umfasste mehr als 200 Handschriften mit bekannten Klassikern der Antike, Ritterromanen und sogar wissenchaftlicher Literatur. Einen Höhepunkt der Buchmalerei stellt das von ihm in Auftrag gegebene Stundenbuch dar.

Darstellung des Jean de Valois,
duc de Berry im Januar-Bild
des Stundenbuches

Cosimo de’ Medici. Posthumes Gemälde von Jacopo da Pontormo, um 1519/1520. Florenz, Uffizien

Bibliotheca Laurentiana

in Florenz

Auch die Medici in Florenz, allen voran Cosimo "der Alte" (1389-1464), hatten eine ausgeprägte Leidenschaft für Bücher, die so weit führte, dass einmal 45 Schreiber eingestellt wurden, um innerhalb von 22 Monaten rund 200 Handschriften herzustellen. Die Bücher bildeten die Grundlage für die Bibliotheca Laurentiana, die bei der Vertreibung der Medici aus Florenz auf mehr als 10.000 Handschriften angewachsen war. Durch die Förderung der Kunst und den Aufbau von exquisiten Sammlungen in zahlreichen Gebieten sorgten die Medici maßgeblich dafür, dass das Sammeln von Kunst "zum guten Ton" in höheren Kreisen wurde.

Das deutsche "Pendant" zu den Medici waren die Fugger in Augsburg: Auch diese sammelten enzyklopädisch, selbstverständlich auch Bücher: Jakob ("der Reiche") gründete eine Bibliothek, die schon bald die für damalige Verhältnisse unglaubliche Größe von mehr als 15.000 Bände umfasste. Sein Neffe Anton Fugger weitete diese noch aus - und öffnete sie v.a. für Gelehrte zum Studium. Jedoch war den Fuggern kein Glück beschieden: Als Albert Fugger Mitte des 17. Jahrhunderts pleite war, musste er die berühmte Bibliothek weit unter Wert an den österreichischen Kaiser verkaufen, um seine Gläubiger zu bedienen. Andere Familienmitglieder hatten schon zuvor Bücher an Bibliotheken verschenkt oder verkauft, so dass sich heute Bücher der Fugger z.B. in der Staatsbibliothek in München, der Heidelberger Bibliothek oder der österreichischen Nationalbibliothek befinden.

Porträt des Jakob Fugger, Albrecht Dürer (um 1519)

Die Zeit der Großsammler war damit aber nicht zu Ende: John Pierpont Morgan (1837-1913) begann bereits im Alter von 14 Jahren wertvolle Bücher zu kaufen. Durch das vom Vater geerbte und durch ihn erheblich erweiterte Bankhaus J.P. Morgan konnte er riesige Sammlungen anlegen, die sich heute zu einem Großteil im Metropolitan Museum in New York befinden. Bücher waren aber immer seine größte Leidenschaft: Die Pierpont Morgan Library existiert bis heute in New York.

 

John Pierpont Morgan

Nicht nur mit Eisenbahn- und Stahlaktien ließ sich - wie bei J.P. Morgan - viel Geld verdienen, sondern auch mit Öl: J. Paul Getty (1892-1976) vererbte mehr als 3 Mrd. Dollar dem J. Paul Getty Trust, der bis heute das Getty-Museum in Malibu (und zwischenzeitlich auch das Getty Center in Los Angeles) unterhält und aus diesem Vermögen über große Mittel verfügt, um die Sammlungen immer weiter auszubauen. Neben Antiken, Gemälden und weiteren Sammlungsgebieten umfasst der J. Paul Getty-Trust auch eine exquisite Büchersammlung.

Getty-Museum in Malibu

J. Paul Getty